Startseite arrow Ökonomie Sonntag, 29 Mai 2016
Die Ökonomie des Neides PDF Drucken E-Mail

Missgunst ist eine mächtige Antriebsfeder der Wirtschaftspolitik. Moderne Umverteilungsökonomien bestrafen die Erfolgreichen und belohnen Misserfolge durch soziale Transfers – mit fatalen Folgen

Neid ist kein edles Motiv. Er ist ein Laster. Aber er kann schöpferische Leistungen in Gang setzen. Meistens aber zielt Neid auf das Schädigen und die Entmutigung des (erfolgreichen, gesunden, glücklichen) anderen. Das Ziel ist erreicht, wenn der Glückliche sein Glück als „unverdient“ empfindet und darüber unglücklich wird; wenn er sich für seinen Erfolg zu entschuldigen sucht, sich schließlich vielleicht selber zu einem „Missbrauch“ erklärt wie der unglückliche Reformkönig Ludwig XVI. Im Extremfall flüstert ihm der zerstörerische Neid zu: „Fühle dich schuldig, schäme dich, denn andere, die unter dir geblieben sind, beneiden dich. Du bist an diesem Neid schuldig, du stürzt sie durch dein bloßes Dasein in die Sünde. Wir brauchen die Gesellschaft der Gleichen, damit niemand neidet“, formulierte der Soziologe Helmut Schoeck. Also nicht der Neidische soll sich zähmen, überwinden und Nächstenliebe pflegen, sondern sein Opfer soll sich ändern – nach „unten“ hin, dem Maßstab des Neides zuliebe. Diese Suggestion hat im Jahrhundert des Sozialismus ihre mürbemachende Wirkung besonders auch auf die unternehmerische Elite nicht verfehlt. Es gibt Unternehmer, die ihre gegenwärtige, zum Teil schikanöse Fesselung durch ein feingesponnenes Sozial-, Arbeits- und Fiskalrecht für notwendig erklären. Nur so mache man die unternehmerische Existenz „sozialverträglich“, meinen sie.

Doch in einer echten Marktwirtschaft gerät der Neid zu einer bösen Kraft, die Gutes schafft. Er wird sozusagen sozial dienstbar gemacht für das Allgemeinwohl. Neid, Missgunst oder Rachsucht: Man kann sich auf Märkten nur durch Leistungen für andere – die Kunden – voranbringen, indem man Wettbewerber durch bessere Angebote überflügelt. Es kann hier heißen: privates Laster, öffentlicher Vorteil. Der Markt setzt zu seinem Funktionieren weder Helden noch Heilige voraus. Der „Gewinn“ ist eine Anerkennung der Konsumenten, die mit ihren Ausgaben über den Wert der angebotenen Leistungen abstimmen – den Wert für Konsumenten, wohlgemerkt; denn für die Konsumenten ist die Marktwirtschaft da. Gibt es hier wirklich Gerechtigkeitsprobleme, wenn jeder nach seinem Beitrag zur Wunscherfüllung seines Nächsten belohnt wird?

Aber eben dieser Wettbewerb als „auslesende“ Einrichtung ist den Neidhammeln der „sozialen Gerechtigkeit“ und „Solidarität“ schon verdächtig. Selbst wenn der Sieger nur „groß“ werden kann durch den Dienst am Nächsten und von dessen Neigungen immer abhängig ist, bleibt er doch Sieger und genießt eine Prämie, welche die Zurückgebliebenen nicht genießen können. Sie brandmarken Wettbewerb nun als „sozialen Darwinismus“ oder „Ellenbogengesellschaft“. In Wirklichkeit können nur wettbewerblich organisierte Gesellschaften auch für Hilflose – „sozial Schwache“ – so viel erübrigen, dass Armut als Massenerscheinung praktisch verschwindet, während eine Gesellschaft ohne Wettbewerb sie wieder herbeiführt, um sie dann zu verwalten. Von dem Soziologen Georg Simmel stammt eine wahre Hymne auf den Wettbewerb: „Der Konkurrenz gelingt unzählige Male, was sonst nur der Liebe gelingt: das Ausspähen der innersten Wünsche eines anderen, bevor sie ihm noch selbst bewusst geworden sind … die moderne Konkurrenz, die man als den Kampf aller gegen alle kennzeichnet, ist auch zugleich der Kampf aller um alle.“

Die Praxis der sozialen Gerechtigkeit läuft dagegen auf möglichst viel Gleichheit, bewirkt durch umverteilenden Zwang, hinaus. In einer Karikatur aus einer Zeitschrift des 19. Jahrhunderts, den „Fliegenden Blättern“, sieht man einen Kommunisten mit einem Bürger im Gespräch. Der Bürger sagt: „Ja, du redest immer von Gleichheit und Güterteilen, allein ich setze den Fall, wir haben geteilt, und ich, ich spare meinen Teil, doch du verschwendest den deinigen, was dann?“ Der Kommunist antwortet: „Ganz einfach! Dann teilen wir wieder.“

Der moderne Versorgungsstaat versucht, den Neid durch umfassende Umverteilung zu beschwichtigen. Wohlfahrtsökonomie ist Neidbeschwichtigungsökonomie („kleinstmöglicher Neid der größten Zahl“). Die Neidökonomie des Wohlfahrtsstaates drückt sich vor allem in der Forderung nach Chancen-, möglichst sogar Ergebnisgleichheit aus. Ihr Hauptansatz ist eine progressive Steuerpolitik, eine möglichst progressive Staffelung der Sozialbeiträge, eine saftige Erbschafts- und Vermögenssteuer, um an die Substanz zu kommen, und das Angebot möglichst vieler „öffentlicher Güter“ zum Null- oder Sozialtarif. Es gab im klassischen Neiderstaat Schweden Steuersätze von 90 Prozent und darüber – und dies schon von relativ niedrigen Einkommensstufen ab, sodass das Durchschnittseinkommen schließlich zu mehr als zwei Dritteln aus Sozialtransfers bestand. Steuerprogression heißt: Der Erfolg wird durch Besteuerung bestraft. Andererseits wird der Misserfolg durch soziale Transfers belohnt. Die Begründung dieser Progression ist dubios: Man soll für öffentliche Güter nach seiner Leistungsfähigkeit bezahlen. Das wäre auf dem Markt so, wie wenn Geschäfte ihre Preise nach dem Einkommen der Kunden staffelten. Hinzu kommt die ebenfalls fragwürdige Theorie vom relativen Opfer. Es werden hier sozusagen Peters relativ größere Freuden mit dem relativ kleineren Leid von Pauls „Opfer“ verrechnet – ein interpersoneller Nutzenvergleich, der sachlich undurchführbar ist.

Die Neidökonomie findet sich wieder in der Gießkannensozialpolitik. Bestes Beispiel ist die Bildungspolitik, die durch das kostenlose Angebot von Ausbildungsleistungen für alle ohne Bedürftigkeitsvoraussetzung, nur eine Filiale der Sozialpolitik darstellt. Ebenso auch in staatlicher Kulturpolitik, etwa durch „soziale“ Tarife beim Theaterbesuch. Was steckt dahinter? Um eine „Stigmatisierung“ des Einzelnen, der öffentliche Mittel beansprucht, zu vermeiden, werden Nulltarife für alle, auch für die Wohlhabenden verordnet. So wird – um der Neidbeschwichtigung willen – sogar eine Umverteilung von unten nach oben in Kauf genommen. Auch Wohlhabende erhalten ein Studium gratis und dürfen einen hoch subventionierten Platz in der Oper einnehmen. Die Progressionswirkung der Steuer wird damit teilweise aufgehoben. Besonders auffällig ist diese Umverteilung in der Gesetzlichen Krankenversicherung, wo das Sachleistungsprinzip (ein Prinzip des Armenrechts) ebenso für den armen Hilfsarbeiter wie für den Generaldirektor mitsamt seiner Familie gilt. Alles umsonst – jeder nach seinen Bedürfnissen und jedenfalls alle gleich.

Auch die so genannte Antidiskriminierungsgesetzgebung zeigt das hässliche Gesicht des Neides, ein „politisch korrektes“ Streben nach unbedingter Egalität: Es geht hier nicht um die rechtsstaatliche Nichtdiskriminierung, sondern um das Verbot, jemanden zu bevorzugen, der nach Meinung der „politisch korrekten“ Egalitarier sowieso schon bevorzugt ist, zum Beispiel ein Inländer gegenüber einem Ausländer, der Mann gegenüber der Frau, der Vermögende gegenüber dem Armen, oder – wie es jetzt im Verfassungsvertragsentwurf des Europäischen Konventes mit einiger Vollständigkeit heißt: Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, ethnische oder soziale Herkunft, genetische Merkmale, Sprache, Religion, Weltanschauung, politische Anschauung, Zugehörigkeit zur nationalen Minderheit, Vermögen, Geburt, Behinderung, Alter und sexuelle Ausrichtungen seien Ansatzpunkte der „Diskriminierung“ – eben in diesem weiteren Sinn.

Dies bedeutet in seiner praktischen Auswirkung nichts anderes als die Abschaffung der Vertragsfreiheit. Besteht die Freiheit nicht gerade darin, dass man seinen Präferenzen durch Vertragsabschlüsse Ausdruck geben darf? Diskriminiere ich einen schlecht bezahlten Blues-Sänger, wenn ich lieber einen besser bezahlten Opern-Sänger höre? Ist die Wahl einer bestimmten Zahnpasta oder einer Marmelade „diskriminatorisch“ für alle anderen Marken? Diskriminiert der Kauf eines Autos die Anbieter von Bus und Bahn? Ist eine kleine liberale Partei diskriminiert, wenn sich die Wähler eher für eine große Massenpartei entscheiden?

Wenn jemand aus persönlichen Gründen einen Katholiken einem Protestanten als Mitarbeiter vorzieht, lieber mit Farbigen als mit Weißen, lieber mit Ausländern als mit Einheimischen oder lieber mit Frauen als mit Männern arbeitet (oder natürlich auch umgekehrt), so soll diese Wertentscheidung für die jeweils anderen „diskriminatorisch“ sein. Es soll der Arbeitgeber gezwungen werden, bestimmte Personenkategorien bevorzugt einzustellen, eine politische Veranstaltung zur Zwangsverbrüderung sozusagen. Dies ist mit einem Rechtsstaat unvereinbar. Wenn ein Unternehmer auch gegen alle Wirtschaftlichkeit lieber mit einem „teuren“ Einheimischen als mit einem „billigen“ Ausländer (oder umgekehrt) zusammenarbeitet, so ist dies seine Sache und er muss die Nachteile dieser Option selber tragen. Der Wettbewerb wird dafür sorgen, dass der Ausgeschlossene woanders Verwendung findet. Schädlich für die betroffenen Gruppen wäre in dieser Situation nur ein Nachfragemonopol seitens der Arbeitgeber. Es ist auch moralisch-rechtsstaatlich vollkommen in Ordnung, wenn es exklusive Frauencafés oder Studentenverbindungen nur für Männer gibt, solange diese nicht durch Staatszwang gestützt werden. Politisch erzwungene Quotenregelungen aller Art wie etwa auch die EU-Gleichstellungsrichtlinien zugunsten von Frauen sind darum eine politische Anmaßung, eine der freien Gesellschaft widersprechende Einschränkung des Grundsatzes der Vertragsfreiheit – und dahinter steckt vor allem Neid. Leider kann man nicht zu jeder Gruppe gehören, die andere gut finden.

Neuerdings hat die Neidökonomie auch die Familie erreicht. Der „Kollektivegoismus der Familie“ ist seit jeher ein Dorn im Auge der Egalitarier. In der Familie werden Vorteile, Besonderheiten, Vorzüge und Positionsgüter weitergegeben, welche die Neid-Egalitarier für „ungerecht“ erklären. Familien bilden ein kulturelles Kleinklima und eine wirtschaftliche Sonderzone. In allen großen Utopien der politischen Philosophie ist darum die Familie mehr und weniger aufgelöst, von Platon bis Karl Marx und auch in der „Schönen Neuen Welt“ von Aldous Huxley.

Wie drückt sich im Versorgungsstaat Deutschland die Neidpolitik gegen die Familie aus? Nach den Idealen gegenwärtiger Familienpolitik soll die Familiengründung, die Elternschaft möglichst wenig „kosten“. Dem liegt ein neidvoller Vergleich mit dem „Single“ zugrunde, der sich einen höheren Lebensstandard erlauben kann als jemand mit Familie. In diesem materialistischen Vergleich werden die Vorteile des Kinderhabens nicht in „Rechnung gestellt“. Die Egalitarier konstruieren das Kind als „Opfer“ für die Allgemeinheit, für welches es einen Kompensationsanspruch gegen den Staat, den Steuerzahler, gibt. Als neuester Schlager im Wettbewerb um die Schwächung der Familiensolidarität ist sogar von bürgerlichen Parteien ein stattliches „Familiengeld“ ins Rennen geschickt. Die Kosten der Familie werden in dieser Weise sozialisiert, sie wird durch den Staat ihres Sinnes als unabhängige Selbsthilfegemeinschaft beraubt. Mutter und Vater als bezahlte Staatsfunktionäre zu Reproduktionszwecken. Mein Kind – deine Ausgabe! Nach Berechnungen des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel trägt die Allgemeinheit in Deutschland bereits rund 50 Prozent der „Kinderkosten“. Die Liste ist lang: Kindergelder, Erziehungsgelder, sogar Baukindergelder, Familienprämien in der gesetzlichen Krankenversicherung, verstaatlichte Ausbildungskosten und Milliardenprogramme der Regierung Schröder zur Schaffung staatlicher Familienersatzeinrichtungen.

Neidökonomie drückt sich ebenso im Anspruch der Bundes- und Landespolitik aus, durch Finanzausgleich zwischen den öffentlichen Körperschaften (Bund, Länder, Kommunen) möglichst einheitliche Lebensverhältnisse, wenigstens ein etwa gleichwertiges Angebot an öffentlichen Gütern herzustellen. Es geht auch hier nur um eine vordergründige Ökonomie, die nichtmonetäre Vorteile (zum Beispiel hohe Umweltqualität, landschaftliche Schönheit des Standortes) nicht in Betracht zieht und jedenfalls erfolgreiches Handeln im öffentlichen Teil der Wirtschaft durch Umverteilung bestraft, Misserfolge dagegen belohnt. Bekannteste Beispiele für das „Leben auf Kosten anderer“ sind die Bundesländer Bremen, das Saarland und besonders Berlin.

Es wird eher akzeptiert, dass alle gleich arm, als dass alle wohlhabend, aber darunter einige wohlhabender als andere sind. Der Begriff „Armut“ wird vom Neid so definiert, dass als „arm“ gilt, wer unterhalb eines gewissen Prozentsatzes der Durchschnittseinkommen liegt. Man kann nach dieser Definition in einer sehr reichen Gesellschaft reich und gleichzeitig relativ arm sein. So gibt es immer Grund für Neid, denn einige werden immer am Fuß der Leiter stehen.

Eines der sträflich vernachlässigten Kapitel der Sozialgeschichte, so bemerkte der Publizist George Gilder, sei die Feindschaft der Gesellschaft gegenüber ihren größten Wohltätern. Auf allen Kontinenten und zu allen Zeiten verfolgte man Menschen, die sich als Schöpfer des Volkswohlstandes hervortaten, mit großer Grausamkeit. Beispiele aus der jüngsten Geschichte sind das Hinschlachten der Armenier in der Türkei, die Vernichtung der Juden in Deutschland, die Ausrottung und Vertreibung der Ibos im Norden Nigerias, die Verfolgung der wirtschaftlich Erfolgreichen durch die roten Garden in China, die Tötung von fast einer Million Auslandschinesen in Indonesien, die Massaker unter den Weißen und Indern in Uganda, ihre Enteignung und Vertreibung aus Tansania und jetzt aus Simbabwe und die Ermordung und Internierung der Biharis in Bangladesh. In schlimmer Erinnerung ist auch noch, dass gegen Ende der siebziger Jahre ein Großteil der Elite Kubas und Südostasiens ins offene Meer getrieben wurde. Überall nehmen die Grausamkeiten zu im unablässigen Kampf der Neider gegen die angeblich gefährlichen Reichen, die Krämer, die Geldverleiher, Großhändler, Zwischenhändler, die Unternehmer schlechthin. Mit dem Exodus oder der Vernichtung der Leistungsträger steigt gleichzeitig die Millionenzahl der Opfer unnötiger Armut und Hungersnot.

Nicht eingestandene Neidmotive beherrschen auch die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik der gegenwärtigen Regierung. In der Sozialpolitik hat die Koalition anfangs sogar eine Rückwärtswendung vollzogen, die selbst die verzagten Liberalisierungen der Regierung Kohl korrigierte (Lohnfortzahlung, Scheinselbstständigkeit, Kündigungsschutz, Minijobs). Unter dem Druck der verheerenden wirtschaftlichen Auswirkungen musste die Regierung inzwischen eine Kehrtwendung vollziehen. Auch bei der stark umkämpften Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes ging es um mehr Gleichheit. Es sollen überall Betriebsräte gebildet, eine betriebliche Einheitsverfassung für Deutschland auch für den Mittelstand durchgesetzt werden.

Deutschland steht freilich international nicht an der Spitze der durch Neidpolitik behinderten Nationen: Schweden liegt immer noch mit Abstand vorne und überhaupt alle Nationen, die sich hohe Staats- und Abgabenquoten erlauben – diesen in Friedenszeiten sicheren Indikatoren des Neides. Jedoch besteht eine Korrelation zwischen dem Ausmaß individueller Freiheit – also der Nichtgleichheit – und dem Wohlstand.

Auch die wirtschaftliche und soziale Wiedervereinigungspolitik nach 1990 ist durch Neidmotive charakterisiert. So sollte es keine Niedriglohngebiete geben, keine wirtschaftliche Konkurrenz aus dem Osten entstehen. Dieses Ziel erreichte die Politik, indem sie den Osten mit einer Währungsunion zu fragwürdigen Umstellungsrelationen und durch die Politik des Arbeitsmarktkartells schulterzuckend platt machte, zumindest der verbliebenen komparativen Vorteile beraubte. Gleichzeitig wurden die wohlfahrtsstaatlichen Standards des Westens im vollen Umfang auf den Osten übertragen. Dies war die Politik, die die Folgen der wirtschaftlichen Wiedervereinigung zu einer Erblast gemacht hat.

„Chancengleichheit“, wenn sie mehr bedeuten soll als die Gleichheit vor dem Gesetz, ist eine zerstörerische Utopie. Geo-grafische, kulturelle, zeitliche (zwischen den Generationen), familiäre, charakterliche und gesundheitliche Unterschiede oder auch verschiedene Begabungen sind entweder prinzipiell nicht zu beseitigen oder nur um den Preis einer totalitären Zwangsordnung, die nun wieder extreme politische Ungleichheiten mit ihren Folgen heraufführen muss. „Chancengleichheit“ kann es bei näherer Betrachtung nur als Gleichheit vor dem Gesetz geben.

Wie soll man im Übrigen Vor- und Nachteile miteinander verrechnen? Wie will man es beispielsweise rechtfertigen, einem Kind, das von seinen Eltern zwar eine schwache Gesundheit, aber bessere materielle Bedingungen des Lebenskampfes geerbt hat, auch diese noch zu nehmen? Sollen die anderen nicht froh sein, einen gesunden Magen, ein kräftiges Herz oder eiserne Nerven geerbt zu haben? Soll man die erschlaffende Wirkung eines über Generationen genossenen Wohlstandes verrechnen mit den Antrieben, die armselige Staatsverhältnisse einem ehrgeizigen Self-Made-Man bieten mögen? Im Übrigen wird, sollte es wirklich die „gleichen Startchancen“ geben, den auch dann noch Zurückbleibenden die ihr Selbstgefühl schonende Möglichkeit genommen, die Schuld der „sozialen Ungerechtigkeit“ oder „niedrigen Geburt“ zuzuschieben. Erst bei gleichzeitigen Startchancen werden die geistigen oder charakterlichen Schwächen der überwiegenden Mehrzahl der Durchschnittlichen und Unterdurchschnittlichen mit brutaler Nacktheit als Ursache des verlorenen Rennens enthüllt. Man müsste die menschliche Seele schlecht kennen, wenn man glauben wollte, dass diese Enthüllung nicht als ein schweres Gift auf sie wirken muss, so der deutsche Ökonom Wilhelm Röpke in seinem „Jenseits von Angebot und Nachfrage“.

Die Politik der Neidbeschwichtigung („kleinstmöglicher Neid der größten Zahl“) ist schon allein deswegen aussichtslos, weil nicht die ganz großen, sondern eher die kleinen Unterschiede den Neid fördern, wie schon Alexandre de Tocqueville beim Vergleich der Monarchie mit der modernen Demokratie betont hat. Am lautesten ruft der Mensch nach Neuverteilung, wenn es fast nichts mehr zu verteilen gibt. Revolutionen brechen nicht dann aus, wenn die Unterschiede zu groß, sondern wenn sie kleiner geworden sind, nicht, wenn die Regierungen stark, sondern wenn sie schwach sind: die Auflehnung gegen sie und ihr Sturz sind nur eine Sanktion ihrer Schwäche.

Woher kommt die Feindschaft vieler Intellektueller gegen die Marktwirtschaft, die von ihr hervorgerufene Ungleichheit? Sie erklärt sich daraus, dass Intellektuelle häufig bei ihrem traditionellen Anspruch geistiger Überlegenheit als Sinndeuter der Nation („Die Arbeit tun die anderen“, Helmut Schelsky) im Unterschied zum Sozialismus nicht automatisch die bestbezahlten Stellen der Gesellschaft und dominierende Leitungsfunktionen erhalten, sondern dies nur über die harte Auslese des Wettbewerbs durch nützliche Dienstleistungen für den in ihren Augen „ungebildeten“ Durchschnitts-Konsumenten zu erreichen ist. Ein hochmütiger Ekel der „Sinndeuter“ vor dem Markt, der auf ihre Herrschafts- und Erziehungsansprüche keine Rücksicht nimmt, sondern jeden Konsumenten als Souverän ansieht, der mit seinem Euro und jedem Cent über das abstimmt, was er selbst aus eigenem Urteil für nützlich hält – ohne Bevormundung. Diese Art Égalité mögen viele Intellektuelle eben nicht.

Aus alldem folgt, dass es unmöglich ist, eine neidfreie Gesellschaft herbeizuführen, durch Gesellschaftspolitik die Menschen zu „entneiden“. Vielmehr ist die Gleichmachungspolitik ein Anschlag auf das edelste Motiv des Menschen: das Streben nach Selbstverwirklichung. Denn jeder bringt sein eigenes Programm mit und hat ein natürliches Recht darauf, seine besonderen Begabungen und Talente zu entwickeln – mit natürlicherweise ungleichen Ergebnissen. Gerade diese Tatsache bringt in einer Marktwirtschaft den Reichtum, die Vielfalt und das Glück hervor.

Marktwirtschaft und Wettbewerb lenken den an sich negativen Neid in produktive Richtungen. So gibt es Möglichkeiten, den Neid einerseits zu bekämpfen, andererseits zu neutralisieren, ja für die Allgemeinheit nutzbar zu machen. Ein Weg ist, den Korridor der Marktwirtschaft möglichst weit auszudehnen, die Staatswirtschaft dagegen möglichst zu reduzieren. Auch dann gäbe es noch den Neid. Aber er fände nicht die Mittel, den Konkurrenten – wie im Sozialismus – in das Konzentrationslager oder auf den Archipel Gulag zu senden oder ihn materiell auf einen Schlag oder nach und nach zu enteignen.

In den USA kam den Erfolgreichen die religiöse Auffassung der Calvinisten zugute: Wenn du am Markt Erfolg hast, ist dies ein Zeichen, dass du zu den „Gerechten“ vor Gott gehörst. Über dieses „Kapital“ können wir in den meisten Gegenden Mitteleuropas nicht verfügen. Auch wird man dem „kapriziösen Glück“ seine Rolle zugestehen müssen. Nicht jeder große wirtschaftliche Erfolg ist auch in dem Sinne „verdient“, dass er proportional zu den Anstrengungen steht, die er gekostet hat. Andererseits kann auch größte subjektive Anstrengung zum Misserfolg führen, wenn man den Interessen der Verbraucher nach deren Meinung nicht genug genützt hat. Es gilt auf Märkten die Regel: „Der Köder muss dem Fisch und nicht dem Angler schmecken.“ Wenn man die anonymen Abstimmungsmechanismen der Märkte abschafft, bleibt zur Entscheidung nur die Willkür einzelner, bevorrechtigter Menschen übrig. Umgekehrt erzieht der Markt: Der Unternehmer, der aus Elend und Unzufriedenheit seiner Mitarbeiter Lustgewinn zieht, wird auf einem freien Arbeitsmarkt niemanden finden, der für ihn arbeitet. Der neidische oder missgünstige Produzent und Unternehmer wird sich besser verhalten müssen als er ist.

„Mitleid bekommt man geschenkt, Neid muss man sich verdienen“, heißt es. Ein guter Satz. Schön wäre es, wenn dieser „verdiente Neid“ zum Ansporn für andere würde, ohne Appell an Staatszwang und Umverteilung, die erfolgreicheren Mitmenschen zu übertreffen. Wer jedoch keine Neider hat, hat Anlass zur Sorge.